Neue alte Liebesgeschichte

Wuthering Heights, Emerald Fennell (2026)

Wer von Emerald Fennells neustem Film eine werkgetreue Literaturverfilmung erwartet, wird wohl definitiv enttäuscht werden. Diese Version von Emily Brontës »Wuthering Heights« strotzt nur so von exzessiver Körperlichkeit und steht nicht ohne Grund in Anführungszeichen.

An die Verfilmung von Emily Brontës literarischem Klassiker »Wuthering Heights« haben sich seit 1920 schon so einige herangewagt. Damals wie heute scheint es besonders die tragische Komponente dieser Geschichte zu sein, die Filmemacher*innen und Publikum weltweit in ihren Bann zieht. So erzählt auch Emerald Fennells neuste Interpretation von der unerfüllten Liebesbeziehung zwischen Catherine Earnshaw und Heathcliff, die Ende des 18. Jahrhunderts wie Geschwister aufwachsen. Nachdem ihr rabiater Vater den Jungen aufnimmt, leben sie unter einem Dach – zumindest fast – und finden starken Rückhalt im jeweils anderen. Die überaus innige Freundschaft im Kindheitsalter beginnt sich spätestens dann zu verändern, als die beiden älter werden.

Fennells Version von »Wuthering Heights« ist knallbunt, sexy und lebt von seinen popkulturellen Referenzen – und das macht wirklich großen Spaß! Auch ihr zuletzt erschienener Film »Saltburn« überzeugte bereits durch seine konzeptionierte Inszenierung, die liebevolle Ausgestaltung von Sets und Kostümen und dem grandiosen Einsatz von Musik. An exzessiver Körperlichkeit, grotesken Momenten und popkulturellen Kniffen war auch schon »Saltburn« reichhaltig ausgestattet. Eingehüllt in den Schleier von »Wuthering Heights« und Charlie XCXs eigens dafür komponierten Soundtrack, treffen dieserart Komponenten nun erneut in richtiger Dosierung aufeinander.

Erotik, Haut und Pop-Elemente

Mit einem lasziven Stöhnen eröffnet »Wuthering Heights« seine Tore. Entgegen aller Erwartungen, handelt es sich dabei jedoch nicht um eine erste intime Begegnung zwischen Catherine (Margot Robbie) und Heathcliff (Jacob Elordi), sondern um eine brutale Hinrichtung im Zentrum eines Dorfes. Noch bevor wir also überhaupt ein einziges Bild zu sehen bekommen, scheint der Ton des Films bereits gesetzt: Erotik und Folter, Begierde und Tod sind von Beginn an eng miteinander verbunden. Auf seinen phänomenalen Auftakt folgt sogleich eine noch phänomenalere Titelsequenz, in der sich blondes und braunes Haar zu berauschenden Bassklängen in die Form des Titels schlängeln.

 Wer nicht schon nach »Saltburn« davon überzeugt war, dass Fennells Inszenierung nur so von kleinteiligen Details strotzt, sollte es spätestens jetzt sein. Jedes Kostüm, jeder Raum und jede noch so kleine Ecke scheint in »Wuthering Heights« visuell etwas herzugeben. Während die erste Hälfte des Films sich vor allem auf das titelgebende Haus konzentriert, in die Geschichte einführt und dabei einer Bildgestaltung folgt, die asymmetrisch und intendiert unausgewogen erscheint, so präsentiert die zweite Hälfte das exzessive Gegenstück.

In symmetrischer Bildkomposition arrangieren sich dort prunkvolle Kronleuchter, knallrote Böden, zu Händen geformte Kerzenhalter aus Keramik und blaue Satin-Sofas. Die üppig gedeckten Tafeln und pompösen Kleider, das Anwesen getreue Puppenhaus und Catherines Skin Room bilden dabei nur die Kirsche auf der Torte. Mit der Rückbindung eines historischen Stoffs an Themen wie Exzess und einen modernen Twist reiht sich Fennell mit »Wuthering Heights« in eine Filmtradition ein, wie sie bereits in Sofia Coppolas »Marie Antoinette« oder Baz Luhrmanns »The Great Gatsby« angelegt scheint.

Freiheiten der Kunst (?)

Eben dieser vorrangig künstlerische Zugang zu Brontës Stoff, scheint in der breiten Öffentlichkeit aber gerade auch auf starken Gegenwind zu stoßen. Kritik und Empörung gehen vor allem in den sozialen Medien Hand in Hand mit dem enormen Hype, den »Wuthering Heights« bereits vor seiner Weltpremiere, im Rahmen seiner Pressetour, ausgelöst hat. Fennells Inszenierung sei einer Vielzahl an Kritiken zufolge etwa „zu primitiv“, „zu kitschig“ oder „zu albern“, vor allem aber zu wenig in seiner Romanvorlage verhaftet. Vorwürfe von Whitewashing betreffen dabei vor allem ihre Casting Entscheidungen zugunsten von Elordi.

Während Heathcliff im Original keiner eindeutigen Ethnie zugeordnet werden könne, immer wieder abschätzig als »dark-skinned gypsy« bezeichnet werde und sich die Liebesgeschichte gerade aufgrund von rassistischer Ausgrenzung und Klassenunterschieden dermaßen ambivalent gestalte, entschied sich Fennell mit Elordi hingegen bewusst für einen weißen Schauspieler. Dass sie damit keine offenen Türen einrennt, scheint wohl auch sie selbst nicht allzu sehr zu überraschen.

Wie Fennell in zahlreichen Interviews betont, habe sie Brontës einzigen Roman zum ersten Mal als Jugendliche gelesen und sofort lieben gelernt. Ihre Version von »Wuthering Heights« sei keineswegs eine Nachahmung des Originals, sondern viel mehr ihre subjektive Imagination dieser Liebesgeschichte. Auch Elordi unterstreicht jenen Aspekt von Subjektivität in der Lesart von historischen Stoffen immer wieder in Interviews. Nicht ohne Grund stehe der Titel demnach auf sämtlichen Plakaten, im Trailer sowie Vorspann des Films stets in Anführungszeichen.


Die Frage nach der künstlerischen Freiheit ist und bleibt zweifelsohne eine zweischneidige. Was jedoch im Falle von »Wuthering Heights« eindeutig festzuhalten ist – wenn auch nur aus subjektiver Perspektive: Fennells fiebertraumhafte Inszenierung ist packend emotional, wunderschön ausgestaltet und glänzt in voller Pracht.


»Wuthering Heights« von Emerald Fennell läuft ab dem 14. Februar in den österreichischen Kinos.

Weiter
Weiter

Wir Menschen sind Hühner